Ich mache mal einen neuen "Deckel" auf, da ich bislang ziemlich alles über Russland-Themen mit in "IS, ISIS, Irak, Syrien" mit reingepackt hatte. Ich frag mich allerdings, ob ich den neuen Topic nicht gleich "3. Weltkrieg (Prolog)" nennen soll.

Ich möchte nochmal auf die Aufrüstung und Ausrüstung Russlands zurück kommen. Wusstet ihr, dass die Russen in den letzten 3 Jahren 42 neue Kriegsschiffe in Dienst gestellt haben? Der Oberbefehlshaber der Russischen Marine (Admiral Vladimir Korolev) sagte am Montag: "I would like to emphasize that we have commissioned 42 warships in the past three years, from 2013 to 2016. From 2016 to 2018 we are planning to commission more than 50 warships."
Gut, das waren halt auch recht viele "kleine Quetschen" wie die die Buyan, Buyan-M, Tarantuls und Gepard Korvetten. Also auch Kroppzeugs in Größenordnungen von 500-1500 BRT. Die sind aber auch alle mit den Kalibr Cruise Missile ausgestattet und haben daher gegen Land- und Seeziele Schiff für Schiff deutlich mehr "Bums" als unsere "Flaggschiffe" der Sachsen-Klasse ("Sachsen", "Hamburg" und "Hessen") mit ihren jeweils 5800 BRT. Statt auf Angriff setzen die Russen bei der Flotte nach wie vor sehr stark auf Verteidigung der Küstengewässer. Und das geht mit kleinem Kroppzeugs halt recht effektiv. Besonders auch dann, wenn es soviel "Biß" hat.
Zudem kündigten die Russen an, bis Ende 2016 die erstem Batterien S-500 zur Luftverteidigung anzuschaffen. Die bestehenden S-400 werden zudem mit einem Nahverteidigungs-System namens S-350 "Vityaz" und zwei neu entwickelten Kurz- und Mittelstreckenraketen ausgestattet. Das soll zusätzlichen Schutz der Batterien gegen Saturations-Angriffe bieten, bei der ein Gegner versucht, die S-400 oder S-500 mit massiven Angriffen zu überladen. Die S-400 und S-500 haben zudem Radars, die alle möglichen Frequenzbänder abdecken und ein gemeinsames Lagebild erzeugen. Dadurch, dass man nicht nur auf X-Band und L-Band angewiesen ist, unterläuft man die Stealth-Fähigkeit von Flugzeugen und Flugkörpern, die bislang eher darauf zielten, sich gegen Radarwellen aus dem L-Band schwerer erkennbar zu machen. S-500 soll eine Radar-Reichweite und Bekämpfungsreichweite von bis zu 600km haben und setzt (je nach Bedrohung und Entfernung zum Ziel) unterschiedliche Raketen ein. Für jeden Topf einen Deckel - inklusive gegen ICBMs sobald diese wieder in die Atmosphäre eindringen.
Bestehende S-300 Systeme sollen entweder 1:1 ausgetauscht und dann verscherbelt werden, oder (da modular) auf S-400 oder S-500 aufgerüstet werden sofern das ökonomisch Sinn macht.
In Sachen Flugkörper (Boden-Boden, Boden-Luft, Luft-Luft und Luft-Boden) tut sich auch einiges und bestehende Systeme werden kontinuierlich verbessert oder durch neue Systeme ergänzt. Mit einer der Gags, warum Russische Raketen so eine übergroße Reichweite haben? Halt im Vergleich zu westlichen Modellen? Simple Physik und ein geiler Konstruktions-Trick, der typisch Russisch ist:
Der effektivste und spritsparendste Antrieb für Luftfahrzeuge ist ein Ramjet. Ein Triebwerk, welches außer den Steuerflächen, Luftein- und Auslass und der Einspritz-Anlage ohne bewegliche Teile auskommt. Luft tritt ein, wird durch die Form des Einlasses verdichtet, mit Sprit angereichert, gezündet und liefert den Vortrieb. Siehe SR-71 "Blackbird" zum Beispiel. Sie setzte ab Mach 2.2 Ramjets ein und flog dann mit Mach 3.2 mit den Ramjets spritsparender, als mit Mach 2.2 und den konventionellen Triebwerken.
Nachteil des Ramjets: Funktioniert erst ab doppeltem Überschall. Bis zu der Geschwindigkeit muss man halt anderweitig antreiben. Westliche Goldrand-Lösungen setzten Feststoff-Booster ein, die auf doppelten Überschall beschleunigen. Der Booster wird dann abgeworfen und der separate Ramjet im Mittelstück der Rakete übernimmt. Die Lösung der Russen? Wenn man sowieso nur ein entsprechend geformtes "Rohr" für den Ramjet-Antrieb braucht (plus Kleinkram), warum nehmen wir dann nicht die Hülle des Feststoff-Antriebes? Wenn der Raketentreibstoff abgebrannt ist, ist das Ding doch sowieso leer und wir haben den Speed, den wir brauchen. Diese recht "simple" Lösung (kompliziert genug) ermöglicht kleine und leichte Flugkörper mit extrem großer Reichweite und vergleichsweise hoher Wendigkeit ab dem mittleren Flugabschnitt. Und Geschwindigkeiten von Mach 5 oder Mach 6. Mehr ginge auch, aber dann wird die Metallurgie recht kompliziert, weil man die Reibungshitze nur noch schlecht in den Griff bekommt.
Indessen jammern die U-Boot-Fahrer der US-Marine rum, dass die neuen Boote der Russen immer leiser werden und man mit der Los Angeles Klasse an Jagd-U-Booten (selbst den modernisierten) mittlerweile ins Hintertreffen geraten ist. Die neuen Diesel-Elektrischen U-Boote der Russen (und erst rechte jene mit Brennstoffzelle) sind dagegen so pfuschneu, dass man bei der Bundesmarine bettelt, man möge doch bitte nochmal zusammen üben. Bei der vorletzten Übung hat ein deutsches U-Boot den US-Träger (simuliert) versenkt. Ums zu verdeutlichen schoss man aus Steinwurf-Weite eine Signal-Rakete, die leider (brennend) bis auf das zugeparkte Deck des Trägers segelte. Der US-Admiral soll Gift und galle gespuckt haben. U-32 hat dann in 2013 mehrmals die USS Norfolk versenkt. Und unerkannt mehrere Vollkreise in naher und nächster Entfernung um ein "improved" Los Angeles gezogen, dass den an Bord befindlichen amerikanischen Beobachtern nur so die Spucke wegblieb. Erst als das langweilig wurde, hat man dann mal (simuliert) mit Seehechten angekopft sie per "Gertrude" (Unterwasser-Telefon für Nahbereich) ausgelacht und den Song „Dieselboats forever“ von Tommy Cox vorgespielt.

Die Russen haben derweil noch vier Atom-U-Boote der neuen "Yasen"-Klasse im Bau (12 geplant, zwei bereits im Dienst) und vier der "Borei"-Klasse (8 geplant, 3 bereits in Dienst). Dazu diverse neue Diesel-Elektrische der Lada-Klasse (1 im Dienst, zwei im Bau), sowie 11 U-Boote der Amur-Klasse mit AIP-Antrieb in der Planung. Die Amur-Klasse ist modular ausgelegt und kann in fünf Varianten von 550t bis 1850t gebaut werden.
In Sachen Luftfahrt geht es auch steil voran: Die MiG-31 soll bis 2022 in Dienst bleiben und erst dann soll ein Nachfolger entwickelt werden. Priorität haben derweil die Modernisierung von Su-27 und ihrer Varianten, der Ersatz der Su-24 durch Su-34 und Anschaffung neuer Su-30 und Su-35 als Ersatz der Su-27 jener Generationen, bei denen sich die Aufrüstung nicht mehr lohnt. Die Restbestände an MiG-29 kommen dabei weiterhin aufs Abstellgleis und werden ggf. ab 2018 durch die MiG-35 ersetzt. Weitere Tu-160 sind in der Modernisierung und der Neubau wird als Interims-Lösung angestrebt. 50 Stück sollen noch angeschafft werden, sobald die Produktionslinie und Zulieferkette wieder komplettiert sind.
Bei den Neuentwicklungen stehen der PAK-FA Lufüberlegenheits-Jäger an. Auch T-50 genannt. Gemeinsam mit Indien entwickelt, übernimmt er viele Elemente der Su-27 Familie und wurde dabei durch Stealth ergänzt und durch IT-Lösungen und Vernetzung der Sensorik, welche speziell von Indien entwickelt wurden. Beim Stealth setzt man aber auf keine Goldrand-Lösung sondern macht, was sinnvoll ist, lange hält und keine klimatisierten Hangars für die Unterbringung und Wartung bedarf. Stealth halt nur von Vorne und bedingt von der Seite und keinesfalls so, dass es der Aerodynamik schadet. Sobald die Produktion läuft (2018?), sollen pro Jahr 30-55 Stück abgenommen werden. Bei den Bombern soll langfristig die in Entwicklung befindliche PAK-DA die Tu-160 und die Tu-22M ergänzen und später mal ablösen. Aber das dürfte noch bis 2025 oder 2030 dauern.
Die Entwicklung bei den Landstreitkräften hatte ich ja schon angesprochen: Die bestehenden T-90 werden nach und nach durch T-14 Armata ergänzt und lösen alle älteren Modelle unterhalb des T-90 ab. Auf Basis dieses Panzers entsteht eine ganze Waffen-Familie, die sich aus Panzer, SPG, Infanterie-Kampffahrzeug, Raketen-Werfer, Bergepanzer und einigen anderen Spezialfahrzeugen zusammen setzen wird. Da stecken sicherlich noch viele Kinderkrankheiten drin, aber das Konzept scheint schlüssig zu sein: Hohe Kommunalität der Teile, reduzierte Besatzung, erstklassiger Selbstschutz (inklusive Reaktiv-Panzerung, aktiver Gegenmaßnahmen und AESA Radar) und hohe Automatisierung. Auch hier greift man auf Teile zurück, die schon in der einen oder anderen Form da sind. Das AESA-Radar ist eine modifizierte Variante dessen, was der T-50 Jäger erhalten soll. Die Reaktiv-Panzerung und aktiven Gegenmaßnahmen sind Weiterentwicklungen aus dem T-90 und T-95 Panzer-Programmen.
Auf die ICBMs der Typen RS-24 "Yars", RS-26 "Rubez" (beide auf mobilem "Werfer") und RS-28 "Sarmat" (Silo-gestützt) will ich nicht eingehen, da ich die schon im anderen Topic ausgiebig erwähnt hatte. Die "Yars" ist im Zulauf und jedes Jahr kauft man 4-6 Batterien. Die "Rubez" und auch die "Sarmat" gehen angeblich dieses Jahr noch in den Zulauf und in die Erstauslieferung. Beide sind seit einigen Jahren in der Erprobung. Auch dort ist zunächst nur die Anschaffung kleiner Stückzahlen für jedes Jahr geplant, um die Kosten auf rund ein Jahrzehnt zu strecken.
Und hier der Gag vom Ganzen. Man schaue sich nochmal die Militärausgaben der einzelnen Länder an:

Die Amis haben in 2015 rund 600 Milliarden USD ausgegeben und haben dafür so gut wie nichts vorzuweisen. Die einzigen Neuentwicklungen, die so gut wie abgeschlossen sind? Die F-35 und die neuen Träger der neuen Gerald-R.-Ford-Klasse (Entwicklungskosten: 22 Milliarden USD, Stückpreis: 12-16 Milliarden USD pro Stück "nackt"). Bei den Flugzeugen ist die Lage derweil so desolat, dass das Marine-Corps die Hälfte seiner F-18 zum Ausschlachten freigegeben hat, um den Rest in der Luft zu halten. Zudem hat die Navy nochmal einen Satz von 22 Stück F-18 "Growler" geordert, weil die F-35 noch nicht fertig ist und man was gegen S-300 und S-400 haben will, was ordentlich EW kann. Ansonsten fliegt man noch mit Zeugs rum, was größtenteils aus dem kalten Krieg stammt und entsprechend abgenudelt ist. Die F-15 ist mittlerweile so am Ende, dass die Anzahl der Zellen, die noch Flugstunden bis projektiertem Betriebsende hat, bis 2018 auf unter 20% sinken wird. Für die A-10 macht man sich endlich mal unter dem Projekttitel A-X die ersten Gedanken, was einen Nachfolger angeht. Die B-1 und B-2 sollen bis 2030 schrittweise durch einen Neubau (B-3) ausgetauscht werden, der bislang nur als Computermodell existiert. Hat noch jemand ein iPhone 3? Das hat mehr Rechen-Power, als eine F-22, deren Stand der Technik in 1997 zu Produktionsbeginn eingefroren wurde. 195 Stück wurden davon gebaut (187 im Dienst) und sind so teuer, dass man sich nicht so recht traut, diese Goldrandlösung irgendwo mal mehr als halbherzig einzusetzen. Stattdessen denkt man gerade nach, die ganzen älteren F-16, die in "Boneyards" auf Halde stehen, zu Drohnen umzuwandeln. Diese sollen dann als "robotic wingmen" andere Flugzeuge begleiten und als zusätzliche Ziele für Ablenkung sorgen, bzw. als Waffenträger genutzt werden.
Als Interims-Lösung bis zur Entwicklung eines Tomahawk- und Harpoon-Nachfolgers rüstet man die SM-4 und SM-6 Luftabwehr-Raketen der Navy mit Modus gegen Land- und Seeziele aus. Ein Mach-6 oder Mach-8 Flugkörper und eine neue Cruise-Missle sind angedacht, aber bislang im Budget nicht vorgesehen. Nachfolger von M1 Kampfpanzer, M2-Bradley oder dem Radpanzer M1126 Stryker sind bislang bestenfalls feuchte Träume. Lediglich bei der Artillerie hat man mal nachgeholfen und quasi mit Methoden aus dem Baumarkt Verbesserungen an der Standard-Feldhaubitze vorgenommen, um die Reichweite um rund 20% zu erhöhen. Gibt es bislang auch nur als Einzelstücke bei der Truppe.
Gerade das finde ich recht spannen: Die USA haben 10x den Verteidigungshaushalt von Russland und haben seit Ende des kalten Krieges bestenfalls Unikate von zweifelhaftem Wert neu aufgelegt ("Littoral Combat Ships"). Alles andere ist so lange in der Entwicklung und im Zulauf, dass es zu teuer wird und Technik von Gestern sein wird, wenn es das erste mal aus eigener Kraft 'ne Bewegung bei der Truppe einleitet. Die Russen? Mit einem Bruchteil des Militärhaushaltes legen die auf breiter Front Neuentwicklungen auf, welche sie sich (wenn auch in kleinen Stückzahlen) stetig und immer in leicht verbesserter Form auch leisten können. Jedes Jahr gibts dutzende Zuläufe in allen Bereichen. Angefangen von der persönlichen Ausrüstung der Soldaten bis rauf zur ICBM, Hubschrauber, Flugzeug, Schiff, oder U-Boot. Die müssen sich halt auch nicht mit multinationalen Gemeinschaftsprojekten rumplagen, oder Konzernen, die "too big to fail" sind. Die meisten Rüstungsbetriebe Russlands sind in Staatsbesitz und höchstens teilprivatisiert.
Die Frage, ob die Russen sich das leisten können: Der Witz dabei ist noch, dass die das bewusst flexibel machen. Reicht das Geld nicht, streckt man die Ausgaben und Anschaffungen in die Länge. Dann kauft man statt 50 Stück T-50 pro Jahr halt mal nur 15 und lässt ein U-Boot 'n Jahr weiter in der Werft vor sich hingammeln, bevor man wieder ernsthaft daran weiter baut. Deswegen brummt denen kein Airbus und kein Boeing 'ne Vertragsstrafe auf, die sich gewaschen hat. Im Gegenteil: Die wissen: Die Produktion geht irgendwann weiter. Abnahme ist quasi garantiert und der Großteil der Belegschaft kann gehalten werden.
Davon kann man halten, was man will, aber ich finde das sowohl beeindruckend als auch beängstigend. Meine Prognose steht nach wie vor: Putin exerziert uns "Reagonomics" vor. Halt: Wie rüste ich den Feind kaputt. Und: Die Amis werden nicht eher Ruhe geben, bis sie einen Krieg mit Russland vom Zaun gebrochen haben. Denn wenn die Russen noch 10 Jahre so weiter machen, wie bisher, dann hat die NATO dem nichts mehr entgegen zu setzen. Wenn man ehrlich ist: Kann sie das heute schon nicht mehr. Die Russen haben genug, um sich zu verteidigen und darauf liegt an sich ihr Hauptaugenmerk. Alles, was bis über die Grenzen hinaus "Macht" projiziert, ist an sich darauf ausgelegt, im Falle eines Angriffs den Gegner auch daheim die Hölle heiß zu machen, während man ihn am Übertreten des Fußabtreters vor der Datscha hindert. Dass die Russen in kleineren Konflikten wie Georgien oder Syrien auch offensiv auftreten können? Keine Frage. Und das sogar besser, als man es erwartet hätte. Aber da liegt auch so ziemlich die Grenze des Machbaren, ohne an die Substanz zu gehen.
Selbst die atomare Abschreckung wird bald in beiderlei Richtungen nicht mehr wirken, weil jeder meint, es wäre ein Kraut dagegen gewachsen und man könnte einen Konflikt so oder so gewinnen. Wer immer nach Putin mal in Russland an die Macht kommen wird, der findet ein Russland vor, das bis an die Zähne und modernst bewaffnet sein wird. Und da wird auch ein deutlich größeres Offensivpotential dabei sein. Falls dann ein Hardliner oder Hitzkopf an die Macht kommt? Das wird dann weniger lustig.